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Ein Jahr der „Festa“ auf Malta - Valletta präsentiert sich als fragwürdige „Kulturhauptstadt Europas 2018“

Kristina Jacobsen

Von Valletta 2018 (V18), der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, ist hierzulande wenig zu hören. Seitdem das Interesse am Thema “Kulturhauptstadt” in Deutschland aufgrund des laufenden Bewerbungsverfahrens um den Titel virulent geworden ist, werden zwar die aktuellen Kulturhauptstädte eifrig von deutschen Delegationen besucht; aber das niederländische Leeuwarden, das dieses Jahr ebenfalls die Auszeichnung trägt, ist eben als im Nachbarland gelegen unkomplizierter zu bereisen.

Valletta ist die kleinste Hauptstadt der EU, in deren kleinstem Mitgliedstaat Malta, und sie ist mit knapp 6.000 Einwohnern gleichzeitig die kleinste Kulturhauptstadt Europas in der 33jährigen Geschichte der Initiative. Allerdings werden die gesamten maltesischen Inseln in das Programm miteinbezogen, die insgesamt bislang eher wegen ihrer attraktiven Landschaft, aber auch wegen ihrer kulturhistorischen Schätze (UNESCO-Welterbe) als touristische Destination bekannt sind.

Viel ist derzeit in der deutschen Medienlandschaft zu lesen, was eine „Kulturhauptstadt Europas“ alles kann und soll. Neun Städte hat hierzulande der Ehrgeiz gepackt (und vielleicht werden es noch mehr), sich für den Titel zu bewerben, der im Jahr 2025 das nächste Mal in Deutschland verliehen wird. Viele Hoffnungen werden damit verbunden – so soll das Kulturhauptstadtprogramm insgesamt zum Motor für die Stadtentwicklung werden und Politikfelder wie Kunst und Kultur, Tourismus, Kreativwirtschaft oder auch das Image der Stadt zum Blühen bringen. Aber auch aktuelle oder historische gesellschaftliche Probleme können in der Agenda einer Kulturhauptstadt eine Rolle spielen – dies wird von der europäischen Auswahljury umso mehr goutiert, wenn die Umsetzung über eine europaweite „Modellhaftigkeit“ verfügt.

Was sind also die allgemeinen Ziele der Kulturhauptstadt V18, welche Probleme möchte sie angehen und was ist ihr kulturpolitischer Beitrag? Nicht wahrnehmbar wird zumindest das Thema, mit dem Malta in den letzten Monaten international in den Medien präsent ist, im Kulturhauptstadtprogramm behandelt, nämlich das Eintreffen von Flüchtlingsbooten auf der Mittelmeerinsel. Dies war auch schon vor zwei Jahren in der damaligen Kulturhauptstadt Wrocław 2016 zu bemängeln: Eine Stadt, deren Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu komplett ausgetauscht wurde, die also quasi nur aus Flüchtlingen besteht, widmet sich als EU-Kulturhauptstadt offiziell dem Auftrag, aktuelle und (inter-)kulturelle Themen, die für ganz Europa relevant sind, zu behandeln – und lässt Fragen zum Umgang mit geflüchteten Menschen größtenteils außen vor. Erstaunlich.

Kulturhauptstadt als Whitewashing-Programm?

Auch an anderen Stellen wird deutlich, dass das Kulturhauptstadtprogramm von Valletta nicht den Mut aufweist, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen auseinander zu setzen. Der Umgang mit der im Oktober 2017 ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia, die korrupten und mafiösen Strukturen im Staatsapparat auf der Spur war, gehört dazu. Das Mahnmal des Mordopfers wurde neun Mal wegen Aktivitäten des Kulturhauptstadtprogramms geräumt, und der Leiter der V18-Foundation, die das Programmjahr verantwortet, Jason Micallef, rief öffentlich zu dessen Boykott auf. Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik? Hier nicht. Ulrich Fuchs, der Leiter der EU-Jury, die Valletta den Zuschlag erteilt hat, nennt es einen Skandal, „dass es ganz offensichtlich ein politisch missbrauchtes Projekt ist, das nicht mehr Kunst und Kultur und den europäischen Gedanken in den Vordergrund stellt, sondern den Schutz nationaler Interessen“. In der Geschichte der Initiative, die es seit 1985 gibt, sei dies „ein einzigartiger Fall, dass eine Jury, die für die Auswahl und Begleitung dieses Projekts verantwortlich war, das Projekt boykottiert.“ Die „Festa“, wie das Motto von V18 in Anlehnung an die pompösen kirchlichen Feste auf Malta heißt, soll offensichtlich von den politischen Problemen des Landes ablenken und stattdessen für gute Stimmung sorgen.

Dass das kulturpolitische Instrument der Kulturhauptstadt durchaus den Anstoß geben kann, auch in gesellschaftliche Bereiche vorzudringen, die wehtun, bewies zuletzt die Kulturhauptstadt Donostia – San Sebastián 2016. Sie machte die Spaltung der baskischen Bevölkerung in Anhänger und Gegner bzw. Opfer der blutigen separatistischen Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren (und darüber hinaus) zu ihrem Hauptthema.

Schade, dass nun die Gelegenheit nicht genutzt wurde, einen offenen Diskurs mit der Bevölkerung zu wagen, wie man in Zukunft miteinander leben möchte. Dies versucht die aktuelle Kulturhauptstadt Europas Leeuwarden („Iepen Mienskip“), ebenso wie viele der vergangenen Kulturhauptstädte, was nicht zuletzt an ihrem jeweiligen Motto ablesbar war (z.B. „Open up!“ bei Plzeň 2015 oder „Let’s Rethink“ bei Aarhus 2017).

Ein polymorphes und umfangreiches Kulturprogramm gibt es in V18 dennoch. Auch wurde wie bei anderen Kulturhauptstädten (z.B. Weimar 1999 oder Istanbul 2010) der Zeitraum zwischen Ernennung zur Kulturhauptstadt und dem tatsächlichen Programmjahr dafür genutzt, kulturelle Institutionen und bedeutende Bauten zu sanieren. Mehr als 50 Millionen Euro wurden seit 2013 in Valletta investiert, davon 10 Millionen im Kulturbereich - die größten Investitionen seit Maltas Unabhängigkeit vom Vereinten Königreich 1964. Die sichtbarsten Beispiele dafür sind der Umbau des alten National Museum of Fine Arts zum Kunstmuseum MUŻA und die Wiederbelebung der Strait Street (Strada Stretta). Einst pulsierende, dreckig-bunte Amüsiermeile für Matrosen, war das wilde Leben dort in den 1980er Jahren eingeschlafen. Im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms soll ihr durch Künstler und Kreative neues Leben eingehaucht werden.

Bemerkenswert ist weiter, dass die V18-Foundation ein Forschungs- und Evaluierungsprogramm eingesetzt hat. Dies kann einen wichtigen Baustein liefern zur Forschung über Kulturhauptstädte und zum Wissenstransfer, was bislang von der EU-Kommission viel zu stiefmütterlich behandelt wurde. Es ist zu hoffen, dass Ansätze der „Behübschung einer Situation, die zum kritischen Reflektieren Anlass böte“ (Fuchs) von der Wissenschaft aufgegriffen und eingehend untersucht werden.

Iepen Mienskip und wilde Kartoffeln in Leeuwarden-Fryslân 2018

Stephanie Koch

Iepen Mienskip (Offene Gemeinschaft) ist das jahresumspannende Motto von Leeuwarden-Fryslân 2018 - eine der beiden aktuellen Kulturhauptstädte Europas neben Valletta (Malta). Wechselseitige kulturelle Beziehungen und Zusammenhalt, Sprachenreichtum, Naturverbundenheit und Bewusstsein für Artenvielfalt, sowie nachhaltige Lebensgestaltung sind nur einige der Themen, welche die inhaltliche Richtschnur für dieses besondere Jahr in der Provinz Friesland bilden. Es geht ums Träumen, Anpacken und Anderssein – diese Trias soll die Basis für die Gestaltung der friesischen Zukunft sein und in Form unterschiedlicher Aktivitäten im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres grenzüberschreitende Ausstrahlungskraft entfalten.

Als am 06. September 2013 verkündet wurde, dass sich Leeuwarden-Fryslân gegen die noch verbliebenen Mitbewerberstädte, Eindhoven und Maastricht mit der Euregio Maas-Rhein, behaupten konnte, mussten sich die Programmverantwortlichen, wie Oeds Westerhof (Direktor für Network & Legacy Leeuwarden-Fryslân 2018, LF2018), die Frage stellen: Wie beginnen wir nun mit der Umsetzung des theoretischen Plans?

Wenn es möglich wäre, die Zeit noch einmal bis zu diesem Zeitpunkt zurückzudrehen, dann würde Oeds Westerhof zunächst einmal ein Jahr lang warten, Ruhe bewahren („Keep calm!“) und dann mit der Planung der praktischen Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres beginnen. Dies berichtete er einer Gruppe von Studierenden der Universität Hildesheim während einer Präsentation mit anschließender Diskussionsrunde im Sitzungssaal des Provinciehuus Leeuwarden im Juni. Neben ihm sprachen außerdem Sjoerd Feitsma (Ratsherr für Finanzen und Kultur LF2018) , Nienk Hoepmann (Programmmanager LF 2018), sowie Rudolf Simons (Manager European Capital of Culture 2018 Monitoring & Evaluation) über die Herausforderungen, Potentiale und Erfolgsgeschichten, die ihnen auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2018 bereits begegnet sind und an denen sie weiterhin arbeiten müssen.

Im Zeitraum vom 28. Juni bis zum 01. Juli 2018 begleitete das ECoC LAB eine Gruppe von 13 Studierenden der Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung, sowie zwei Dozent_innen des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim bei ihrer Exkursion in die aktuelle niederländische Kulturhauptstadt Europas 2018. Innerhalb des Exkursionsseminars zum Thema „Kulturpolitik für ländliche Räume. Kulturhauptstadt Leeuwarden- Fryslân 2018“ beschäftigten sich die Studierenden intensiv mit der Kulturlandschaft Leeuwardens im urbanen und vor allem im ruralen Raum. Wie wird der ländliche Raum in das Programm der Kulturhauptstadt mit einbezogen? Welche Form von Partizipation erhält die Bevölkerung der angrenzenden Kleinstädte und Dörfer bei der Gestaltung des Kulturhauptstadtjahres? Wie kommen die Menschen von A nach B, um das reichhaltige kulturelle Angebot nutzen zu können? Fragen wie diese konnten die Studierenden den Gesprächspartner_innen stellen, auf die sie im Laufe der Exkursion trafen.

Kristina Jacobsen und Stephanie Koch vom ECoC LAB waren einerseits für die inhaltliche Begleitung der Exkursion mitverantwortlich, wobei sie fachlichen Input zur Arbeit des ECoC LAB und zur Entstehungsgeschichte der Kulturhauptstadt Europas gaben, sowie über die Rechtsgrundlagen zum Einbezug des ländlichen Raums in die Kulturhauptstadt referierten. Andererseits nutzten sie das Exkursionsprogramm für den Besuch verschiedener ECoC-Orte und -Initiativen und konnten Fachgespräche, sowie Interviews mit unterschiedlichen Protagonist_innen aus Politik, Kultur und Bevölkerung der Kulturhauptstadt Europas 2018 führen.

Die Exkursionsgruppe lernte während ihres Aufenthaltes verschiedene beispielhafte Projekte und Institutionen des umfangreichen LF2018-Programms kennen, darunter die Initiative der regionalen Stadtbibliotheken Leen een Fries („Leihe einen Friesen“). Dies ist ein Konzept für alternative Stadtführungen, die von „Locals“ mit individuellen inhaltlichen und geografischen Schwerpunkten angeboten werden. Ausgehend vom Prinzip des Ausleihens von Informationsmedien in Bibliotheken entwickelten die Stadtbibliotheken in Leeuwarden-Fryslân das Angebot der Ausleihe von freiwillig registrierten Personen mit einer besonderen Geschichte, einem interessanten Hobby oder ganz speziellem Wissen, das sie mit Einzelpersonen oder Gruppen teilen wollen. Ein Organisationsteam der jeweiligen Stadtbibliotheken verwaltet die sogenannte „Kollektion“ der ausleihbaren Friesen und ist bestrebt, dieses Projekt auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus anbieten zu können (https://leeneenfries.nl/de/).

Ausgehend von der Existenz zweier Amtssprachen in Friesland - Niederländisch und (West)Friesisch - als Besonderheit der Region wurde das internationale Projekt Lân fan taal (Land der Sprachen) anlässlich des Kulturhauptstadtprogramms initiiert. Die ungemeine Vielfalt und Grenzenlosigkeit der Sprachen auf der ganzen Welt sollen im Land der Sprachen herausgestellt, erfahrbar gemacht und gefeiert werden. Lân fan taal ist in Form von Ausstellungen, künstlerischen Interventionen im Innen- und Außenraum, dem neugebauten Besucherzentrum OBE - das zugleich als „Sprach-Erlebniszentrum“ dienen soll - und durch diverse öffentliche Veranstaltungen rund um den zentral gelegenen Oldehoofsterkerkhof, dem Tresoar („Schatzkammer der Friesen“) und im historischen Zentrum von Leeuwarden zu erleben (https://lanfantaal.de/).

Der Besuch der Ausstellung Places of Hope, welche die niederländischen Pioniere einer „neuen Zukunft“ und die Lebensraumgestaltung im Sinne der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rückt, ist ein weiteres Projekt, das für LF2018 realisiert worden ist. Places of Hope wurde von den beiden Kuratoren Maarten Hajer und Michiel van Iersel gestaltet. Die multisensorische Ausstellung fungiert zugleich als interaktiver Forschungsort und lädt die Besucher_innen durch Ateliers, Gespräche und Workshops dazu ein, sich gemeinsam auf die Suche nach dem „guten Leben von Morgen“ zu begeben – letztlich auch über die niederländischen Grenzen hinaus. Das Ausstellungsprojekt wurde der Exkursionsgruppe von Jesse Hoffmanns vorgestellt, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Urban Futures Studio der Universität Utrecht. Er ist einer der interdisziplinären Mitarbeiter_innen von Places of Hope (https://placesofhope.nl/en/).

Mit Joop Mulder, dem Creative Director des Kunstprojektes Sense of Place, diskutierten die Exkursionsteilnehmenden intensiv über den Einbezug des ländlichen Raums in das Konzept der Kulturhauptstadt Europas 2018. Sense of Place steht für die Entstehung kultureller Landschaftsprojekte entlang der gesamten niederländischen Wattenmeerküste. Bereits jetzt und im Laufe der nächsten Jahre soll durch diese künstlerischen, teilweise gemeinsam mit den Bewohner_innen dieser Region entwickelten Interventionen auf die Einzigartigkeit der lokalen Natur, insbesondere auf die Kulturgeschichte des Wattemeeres hingewiesen werden und ein Gefühl für den Ort („Sense of Place“) geschaffen bzw. betont werden (https://www.sense-of-place.eu/de/). Die Projekte Potaties go Wild und Fruchtbere Grond in Sint Annaparochie wurden exemplarisch für die kulturellen Aktivitäten im ländlichen Raum von den Studierenenden aufgesucht – inklusive eigenhändiger Kartoffelernte auf dem Feld.

Die regionale Spannweite des Kulturhauptstadtjahres 2018 ist auch an der 11-Städte und Dörfer-Route zu erkennen und lässt sich physisch per pedes, mit dem Fahrrad oder motorisiert erleben. In diesen Orten lassen sich zudem elf Springbrunnen finden, die von international renommierten, aus elf unterschiedlichen Ländern stammenden Künstler_innen gestaltet wurden. Symbolisch steht das Projekt 11 Fountains für die Verbindung der elf Städte durch das Wasser – ein Sujet, das sich durch das gesamte LF2018-Programm zieht. Dieses Kunstprojekt polarisiert die friesische Bevölkerung. Einerseits gibt es die überzeugten Befürworter_innen des Projektes – die Programmverantwortlichen positionierten sich in den geführten Gesprächen mit der Exkursionsgruppe klar zu dieser Seite und verschwiegen in diesem Zuge nicht die Bedeutung des Kunstprojektes für die erhoffte Tourismussteigerung. Andererseits wurden auch einige kritische Stimmen laut, vorrangig aus der Bevölkerung und seitens der lokalen Kulturschaffenden, die sich fragen, warum nicht die lokalen Künstler_innen mit dieser Aufgabe betraut und dadurch gefördert werden. Gegenüber des Leeuwardener Hauptbahnhofs befindet sich das Informationszentrum der Kulturhauptstadt Europas 2018. Direkt davor steht unübersehbar einer der elf Springbrunnen in Form von zwei sieben Meter hohen, weißen Skulpturen eines perspektivisch verzerrten Mädchen- und Jungengesichts, die mit geschlossenen Augen einander zugewandt und von einer Nebelwolke aus Wasser umgeben sind. Dieser Springbrunnen trägt den Titel Love und wurde von dem aus Katalonien stammenden Bildhauer Jaume Plensa entworfen. Der skulpturale Springbrunnen steht laut Plensa für das Träumen und Hoffen auf eine positive Zukunft. 11 Fountains ist ebenfalls eines der Projekte, das über das Kulturhauptstadtjahr 2018 hinaus Bestand haben soll.

Viele Visionen sind bereits in der Kulturhauptstadt Europas 2018 Leeuwarden-Fryslân realisiert worden, einige Projekte sind noch im Prozess des Werdens begriffen und werden teilweise erst in einigen Jahren fertiggestellt und sichtbar sein. Leeuwarden-Fryslân 2018 lehrt uns, dass der Weg durchaus auch mitten im Kulturhauptstadtjahr das Ziel sein kann, und dass es sich lohnt, von einer Iepen Mienskip europaweit zu träumen, den Gedanken anzupacken und das Anderssein zu zelebrieren.

Ein lehrreicher Blick gen Norden
Die Europäische Kulturhauptstadt Aarhus 2017 setzt Impulse für deutsche Bewerberstädte

Kristina Jacobsen

„Let’s rethink“ – so kurz und knackig ist das Motto der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt Aarhus. Die zweitgrößte dänische Stadt, die sich 2017 den Titel mit den zypriotischen Pafos teilt, nimmt das Kulturhauptstadtjahr zum Anlass, verschiedene Aspekte ihrer Kommunalpolitik zu überdenken. Im kulturpolitischen Bereich betrifft das die Beziehungen des städtischen Kulturlebens zu anderen Politikbereichen wie Wirtschaft, Tourismus, Bildung, Marketing und die Gestaltung des öffentlichen Raums. Im Rahmen dieses „Überdenkens“ oder „Neu-Denkens“ sollen so auch kommunale Aufgaben angegangen werden, die auf den ersten Blick gar nichts mit Kultur zu tun haben, etwa das Problem der Präkarisierung von Bezirken im Westteil der Stadt oder das Verhältnis der Kommune zur umliegenden Region.

Letzteres wurde bereits in der knapp zehnjährigen Vorbereitungsphase vorbildlich organisiert. So wurden inhaltlich und finanziell formalisierte Kooperationen mit den 19 Kommunen der 1,3 Mio. Einwohner zählenden Region Midtjylland (Mitteljütland) vereinbart. Dies war möglich, weil alle Bürgermeister der Kommunen von der Kulturhauptstadt überzeugt waren, schon seit Beginn der Bewerbungsphase ab Ende 2007 und erst recht nach der Titelvergabe 2012. Die tragfähigen Kooperationen gaben auch den Ausschlag bei der Auswahl als Kulturhauptstadt. Sønderborg (Sonderburg), der einzige Mitbewerber, verlor gegen Aarhus, trotz seiner für europäische Vorzeigeprojekte besonders geeigneten Grenznähe zum Nachbarland.

Von den neuen regionalen Netzwerken erhofft man sich nachhaltige Synergieeffekte. Aus Konkurrenten sollen Kooperationspartner werden, so das Credo, um sich insgesamt als Kulturlandschaft besser aufzustellen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Die sieben Todsünden“, das sieben Museen der Region umfasst, die zuvor noch nie zusammengearbeitet haben. In ihnen präsentieren Künstler aus der ganzen Welt drei Monate lang ihre Werke, die „Die sieben Todsünden“ interpretieren – ein Beispiel von Kunst als Medium für eine Wertediskussion im interkulturellen Kontext. Daneben gibt es im Begleitprogramm die „Sündhaften Sonntage“, Diskussionsveranstaltungen (u.a. mit Bezügen zum Luther-Jubiläum) und kulinarisch-kulturelle Veranstaltungen. Das Kooperationsnetzwerk besteht schon seit 2010 und soll auch über das Kulturhauptstadtjahr hinaus weiter bestehen bleiben. Ein anderes Beispiel für nachhaltige Effekte einer Kulturhauptstadt ist das Personal der Kulturhauptstadt Aarhus, das zu 50% von den beteiligten Kommunen bzw. Kulturinstitutionen entsandt wurde. Gerade in einer (aus deutscher Sicht) mittelgroßen Stadt – Aarhus zählt 320.000 Einwohner – wird dadurch zur Verstetigung von Netzwerken beigetragen.

Für die theoretische Dimension sorgt vor Ort die Universität Aarhus durch Evaluationen und Forschungsberichte. Auch hieran kann man exemplarisch ablesen, wie sich das Programm „Europäische Kulturhauptstadt“ in seiner über 30jährigen Laufzeit professionalisiert hat. Die Kooperation mit der Universität führte die letzte Kulturhauptstadt in Deutschland, RUHR.2010, erstmalig ein, auch einige der nachfolgenden Kulturhaupt(-bewerber-) städte suchten eine Anbindung an Universitäten. Darüber hinaus streckte Aarhus 2017 im Vorfeld erfolgreich seine Fühler aus, um von vergangenen Kulturhauptstädten zu lernen. So gab es neben RUHR.2010 Austausch mit den skandinavischen Kulturhauptstädten Stavanger (2008) und Umeå (2014) oder auch Kulturhauptstädten wie Mons (2015) und Liverpool (2008), die sich besonders mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt hatten. Insgesamt hängt ein ergiebiges Voneinander-Lernen (-Können) zwischen den Kulturhauptstädten jedoch sehr von den Kapazitäten und Kontakten der jeweiligen Standorte ab. Das ist bedauerlich, denn natürlich bleibt manches Potential ungenutzt, wenn jede Stadt bei ihrer Kulturhauptstadtplanung immer wieder komplett von vorne anfangen muss, ohne auf vorhandene Erfahrungen vergangener Städte der Initiative aufbauen zu können. Bei aller Grundverschiedenheit der teilnehmenden Städte hinsichtlich ihrer Größe, finanziellen Möglichkeiten oder kulturpolitischen Etabliertheit: Für das mittlerweile erreichten Niveau und den Umfang der Ausgestaltung moderner Kulturhauptstädte bedarf es längst einer übergeordneten Dokumentations- und Informationsstelle. Die EU-Kommission sieht, dass das Programm auch ohne ihr Zutun erfolgreich läuft und hält sich diesbezüglich zurück. So ist es wohl an den teilnehmenden Städten selbst, eine solche Instanz dauerhaft einzurichten. Auch die deutschen Städte, die derzeit eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 vorbereiten, können vieles von Aarhus lernen, etwa beim Thema Partizipation. In den mehrjährigen Vorbereitungsprozess für Aarhus 2017 wurden laut Angaben der Veranstalter ca. 10.000 Einwohner aus Stadt und Region einbezogen, und schon Jahre vor der Titelvergabe gab es intensive Auseinandersetzungen zwischen Kulturinstitutionen, Unternehmen, Künstlern, Stadtverwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es wurden Soll-Ist-Kartierungen der kulturellen Infrastruktur vorgenommen, bei denen die zentralen Fragen lauteten: Wofür möchten wir den Titel als Kulturhauptstadt benutzen? Was sind unsere genuinen Herausforderungen und Potentiale dabei? Und welche Strukturen müssen dafür eingerichtet oder verbessert werden? Das breite Ausgestaltungen ermöglichende Motto „Let’s rethink“ ist also als kulturpolitischer Anstoß durchaus übertragbar auf die Kulturhauptstadt-Bewerberstädte hierzulande.

Ein lehrreicher Blick gen Norden. Die Europäische Kulturhauptstadt Aarhus 2017 setzt Impulse für deutsche Bewerberstädte, in: Politik und Kultur 2/2017

Spannend und eine Reise wert: Wrocław, Kulturhauptstadt Europas 2016

Kristina Jacobsen

Allem sich breit machenden Europa-Skeptizismus zum Trotz: Das EU-Projekt „Kulturhauptstadt Europas“ läuft imposant, ist wirksam und wird immer erfolgreicher. Man kann daran ablesen, welche Reichweite das kleine Feld der europäischen Kulturpolitik erzielt, das sonst eher wenig Beachtung findet. Denn obwohl die EU aufgrund des Subsidiaritätsprinzips keine große Gestaltungsmacht im Bereich Kulturpolitik besitzt, schuf sie mit der „Kulturhauptstadt Europas“ ein Förderinstrument, durch das jedes Jahr hunderttausende Europäer an interkulturellen Veranstaltungen in der jeweils titeltragenden Stadt teilnehmen. Durch die nicht mehr wachsende, sondern nunmehr schrumpfende EU wird bei der „Kulturhauptstadt Europas“ erkannt, wie eminent wichtig der interkulturelle Dialog und das Reflektieren über Verbindendes und Trennendes innerhalb einer gemeinsamen europäischen Identität sind. Denn wo sonst gibt es Foren mit derartigem Bekanntheitsgrad und solcher Ausstrahlkraft, die darüber einen europaweiten Diskurs anstoßen und sichtbar machen?

Neben Donostia-San Sebastián trägt Wrocław (deutsch: Breslau) in diesem Jahr den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Die viertgrößte Stadt Polens mit 640.000 Einwohnern hatte sich im Landeswettbewerb gegenüber zehn anderen polnischen Städten durchgesetzt und ihr anspruchsvolles Programm acht Jahre lang vorbereitet. Beispielgebend für andere Kulturhauptstädte ist die Kooperation zwischen den Städten, die zuvor im Wettbewerb miteinander standen: Im Rahmen des Projekts „Koalition der Städte“ bringen sich die ehemaligen Konkurrenzstädte jeweils eine Woche lang ins Kulturhauptstadtjahr ein. Ein solches Netzwerk wäre auch in Deutschland wünschenswert, wo 2025 das Programm „Kulturhauptstadt Europas“ stattfindet. Denn jetzt schon werden in mehreren deutschen Städten anspruchsvolle Bewerbungen für den ruhmreichen Titel vorbereitet. Da jedoch nur eine Stadt in Deutschland die Auszeichnung erhalten wird, sollten die durch den Bewerbungsprozess erarbeiteten Potentiale weitergeführt werden. Ähnlich dem polnischen Modell könnten die anderen Bewerberstädte so zu „Satelliten-Kulturhauptstädten“ werden.

Zweifelsohne hat Wrocław ein großes und vielfältiges Programm erarbeitet, das attraktiv für die verschiedensten internationalen Besucher ist. Unter dem Motto „Raum für die Schönheit“ schafft Wrocław 2016 laut seiner Selbstbeschreibung „einen offenen, dynamischen und freundlichen Raum, der dazu dient, das Verlangen nach dem Umgang mit Kultur und Kunst für die Schönheit zu erfüllen“. Das klingt vage, und tatsächlich bleibt die Stadt bei inhaltlichen kulturpolitischen Positionen unter ihren Möglichkeiten. So wird der Konflikt mit der Kulturpolitik der nationalkonservativen Regierung nicht explizit thematisiert, die seit ihrem Regierungsantritt die künstlerische Freiheit auf verschiedenen Ebenen einschränkt. Auch die ablehnende Haltung der polnischen Regierung in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen hätte stärker aufgegriffen werden können – gerade in Wrocław, das aufgrund seiner Stadtgeschichte so viel zum Thema Flucht und Vertreibung zu erzählen hat. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nahezu die gesamte deutsche Bevölkerung aus der Stadt vertrieben und aus Breslau wurde Wrocław, das dann wiederum von vielen Vertriebenen aus den für Polen verlorenen Ostgebieten besiedelt wurde. Die Einflüsse und das Zusammenleben der Einwohner mit Migrationshintergrund, ablesbar auch an der wunderschönen und polymorphen Architektur der über 1000jährigen Stadt, hätten in ihrer Modellhaftigkeit mit aktuellen Bezügen in den Vordergrund des Programms gestellt werden können. Doch stattdessen wurde eben das Programm durchgezogen, das man schon in den letzten acht Jahren geplant hatte.

Dieses Programm ist nichtsdestotrotz sehr sehenswert. Es gibt unzählige Ausstellungen, Konzerte und kreative Kulturformate im öffentlichen Raum. Hieran ist die Botschaft ablesbar an alle Städte, die einmal „Kulturhauptstadt Europas“ werden wollen: Das kulturelle Erbe allein reicht nicht – lasst euch etwas einfallen! Wrocławs Ziel ist es, sich mit dem Kulturhauptstadtprogramm offen und

international zu zeigen und dadurch die Touristenzahlen zu verdoppeln. Tatsächlich scheint die Strategie zu funktionieren, durch möglichst viele Austauschprojekte mit europäischen Partnern eine grenzüberschreitende Aufmerksamkeit zu erhalten.

Wrocław möchte sein reiches kulturelles Leben nicht nur der großen europäischen Öffentlichkeit präsentieren, sondern es öffnet sich auch für seine Einwohner und die Menschen aus der Umgebung. So wird in der Reihe „Regionaler Dienstag“ einmal pro Woche ein Kulturprogramm aus der umliegenden Region importiert, außerdem finden Land Art- und andere kulturelle Veranstaltungen in der gesamten Woiwodschaft Niederschlesien statt.

Eins der letzten Highlights des Kulturhauptstadtjahrs wird die Verleihung des Europäischen Filmpreises am 10. Dezember in Wrocław sein. Bis dahin laufen jetzt schon sowohl die aktuell nominierten als auch die preisgekrönten Filme der vergangenen Jahre in den Kinos der Stadt.

Es bleibt abzuwarten, welche Stadt aus welchem Land den freiwerdenden Platz als „Kulturhauptstadt Europas 2023“ übernehmen wird, der eigentlich für das Vereinigte Königreich vorgesehen war. Aber bis dahin gibt es noch jede Menge anderer Kulturhauptstädte, die als Produkte der gereiften EU-Initiative sicher interessant und sehenswert sein werden. 2017 sind erst einmal Aarhus (Dänemark) und Paphos (Zypern) an der Reihe.

Spannend und eine Reise wert: Wrocław, Kulturhauptstadt Europas 2016, in: Politik und Kultur 6/2016

Ein Modell für Europa - San Sebastián ist „Kulturhauptstadt Europas“ 2016

Kristina Jacobsen

„Wo bleiben die Stars? Warum gibt es in der Hauptstadt der Kultur so wenig große Konzerte?“, ärgert sich Carlos, Einwohner San Sebastiáns, als wir zusammen das Kulturprogramm durchsehen. Er ist, wie einige aus der Stadtbevölkerung, enttäuscht vom Programm des Kulturhauptstadtjahrs, das so wenige „Knüller“ bereithält.

Dabei sind Sensationen und schillernde Spektakel genau das, was die Organisatoren der baskischen Kulturhauptstadt nicht wollten. In diesem Sinne ist San Sebastián (baskisch: Donostia) ein progressiver Meilenstein in der Geschichte der Initiative „Kulturhauptstadt Europas“. Denn die Stadt, die sich in diesem Jahr den Titel mit Wroc_aw (Breslau) teilt, konzentriert sich auf das von ihr gewählte Thema „Kultur zum Zusammenleben“. Alle Veranstaltungen des Programmjahrs gehören zu den Themengebieten Frieden, Dialog und Versöhnung. Es geht darum, die Jahrzehnte des ETA-Terrors aufzuarbeiten, der allein in San Sebastián 108 Todesopfer forderte. Denn noch immer leben Attentäter und Sympathisanten, Hinterbliebene der Toten und Überlebende in derselben Stadt.

Indem sich San Sebastián stark auf ein Thema konzentriert, geht es zurück zur Ursprungsidee der Initiatorin der Reihe „Kulturhauptstadt Europas“, der griechischen Kulturministerin Melina Mercouri. Als sie Anfang der 80er Jahre das Programm entwickelte, stand für sie im Vordergrund, dass Kultur (-austausch) machtvoller sei als Sprache, um voneinander zu lernen. „Was wir machen, ist eine Selbst-Therapie für die Stadt“, erklärt der Direktor der Kulturhauptstadt Pablo Berástegui, „die auch ein Beispiel sein kann für andere europäische Städte und Regionen.“ Sein Ansatz ist mutig, das Programm der Kulturhauptstadt nicht als eine eierlegende Wollmilchsau zu benutzen, wie manche anderen Städte der Initiative versucht waren, z.B. in Bezug auf Imagebildung, Stadtmarketing und PR. Auf Landesebene hatte die Idee schon im Vorfeld überzeugt, so dass sich die Bewerbung San Sebastiáns gegen die von 14 mitbewerbenden Städten in Spanien durchsetzte. Erstmalig in der Geschichte der „Kulturhauptstadt Europas“ zogen zwei Städte (Córdoba und Zaragoza) sogar vor Gericht, um das Votum der Auswahljury anzufechten – allerdings ohne Erfolg.

Bemerkenswert ist die qualitative Weiterentwicklung der Initiative „Kulturhauptstadt Europas“, die sich am Jahresprogramm San Sebastiáns ablesen lässt. Schon seit einigen Jahren geht der Trend dahin, dass nicht mehr nur die Haupt- oder „A-Städte“ ausgewählt werden, sondern dass das Besondere eher im Kleinen gezeigt wird. So können Städte, die eine Bewerbung als zukünftige Kulturhauptstadt in Betracht ziehen, - in Deutschland scharrt ja schon ein gutes Dutzend mit den Hufen - von San Sebastián einiges lernen. Das betrifft neben einem übergeordneten Thema, das aus der individuellen Stadtgeschichte hervorgeht und gleichzeitig einen weitreichenden Modellcharakter hat, auch die Bereiche Nachhaltigkeit und Partizipation. In San Sebastián wird versucht, alle Kulturprojekte nachhaltig anzulegen, indem es in jeder Aktivität mindestens einen Verantwortlichen gibt, der festangestellt in einer Institution der Stadt arbeitet (Stadtverwaltung, Theater, Universität o.ä.). So sollen möglichst viele Projekte auch nach dem Kulturhauptstadtjahr fortgesetzt werden. Das gilt besonders auch für die neuen Netzwerke mit regionalen und europäischen Kooperationspartnern, etwa beim Musikschul-Festival „Emusik“, der europäischen Fahrrad-Initiative „Biziz“ oder dem gastronomischen Austauschprojekt „On Appetit“.

Partizipative Elemente gibt es sogar auf der Steuerungsebene der Kulturhauptstadt: Im „Bürger-Komitee“ wurden Freiwillige nach dem Zufallsprinzip zu einer Jury zusammengesetzt, die über die Annahme von Kulturprojekten aus der Bevölkerung entscheidet. 1% des Programms haben Berástegui und sein offizielles Organisationsteam damit aus ihren Händen und in die direkte Verantwortung der Bevölkerung gegeben.

Auch die Besucher und Zuschauer werden an verschiedenen Stellen zum Partizipieren aufgefordert. Im „Teatro Forum“ werden sechs verfahrene Konfliktsituationen dargestellt. Das Publikum sucht daraus eine der problematischen Szenen aus und wird danach in den weiteren Fortgang der Handlung oder gar eine Lösung mit einbezogen. 100 Mal wird das teilimprovisierte Theaterstück aufgeführt. Im Anschluss werden die gesammelten Ideen, Einwürfe und Lösungsvorschläge des Publikums, „die die Zukunft einer Gesellschaft auf ihrem Weg zum Frieden inspirieren“ (- Zitat Ankündigungstext) in einer Ausstellung präsentiert. Dies ist nur ein Beispiel für den pädagogischen Ansatz von „Donostia-San Sebastián 2016“, durch den die Zuschauer als Prosumer mittels kultureller Aktivitäten zum Reflektieren angeregt werden sollen. Manchmal sind solche Versuche riskant - denn wenn es um Angst, Folter und Mord im Kampf zwischen der ETA und dem spanischen Staat geht, kommen die Erinnerungen und der Schmerz der Hinterbliebenen wieder hervor.

Insgesamt wird das Programm von den Touristen geschätzt und auch von der Bevölkerung der Stadt und der Region gut angenommen. Die Menschen spüren, dass sich etwas verändert in der Stadt. Vielleicht lässt sich ja auch der skeptische Carlos noch überzeugen.

Ein Modell für Europa. San Sebastián ist Kulturhauptstadt Europas 2016, in: Politik und Kultur 5/2016

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Europas „Pilsen 2015“

Kristina Jacobsen

“Mooouuuh!”, muht der Märchenerzähler Olivier mit einer Klangtiefe, wie sie wahrscheinlich nur ein Bayer aus seiner Kehle hervorbringt. Die Kinder des deutsch-tschechischen Kindergartens Junikorn kleben an seinen Lippen. Auch wenn noch nicht alle Deutsch sprechen, ist klar, von welchem Tier Olivier erzählt. Am Ende des Märchens haben die Kinder eine Hand voll deutscher Wörter gelernt und werfen sie sich spielerisch zu.

„Die Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und denen anderer Teile der Welt und in diesem Sinne Betonung der Öffnung gegenüber anderen und des Verständnisses für andere, die grundlegende kulturelle Werte darstellen“- so lautet eines der EU-Ziele für das Programm „Kulturhauptstadt Europas“, die in diesem Jahr im tschechischen Pilsen stattfindet. Umgesetzt wird es, wie in der deutsch-tschechischen Kita, schon bei den ganz Kleinen. In mehreren Pilsener Schulen gibt es ähnliche Veranstaltungen, die ebenfalls das Interesse an der deutschen Sprache und überhaupt an den deutschen Nachbarn wecken sollen.

Unter dem Motto „Open Up!“ steht das gesamte Programm der Kulturhauptstadt Pilsen 2015. Bewusst wurden Veranstaltungen mit Kulturakteuren aus den Nachbarländern und anderen EUMitgliedsstaaten in den Vordergrund gestellt, wobei der böhmisch-bayerische Austausch aufgrund der räumlichen Nähe eine besondere Rolle spielt. So organisierte das Centrum Bavaria-Bohemia (CeBB) im April eine bayerische Woche, in der Konzerte, Tanzvorführungen, Autorenlesungen, Workshops für Jugendliche und Veranstaltungen für Familien in der ganzen Stadt sicht- und hörbar waren.

„Open Up!“, das gilt auch für alle anderen Projekte im Kulturhauptstadt-Programm Pilsens. Das ehemalige Depot des Städtischen Verkehrsbetriebs wurde zum größten Kulturzentrum Pilsens, dem neuen „DEPO 2015“ umgebaut, in dem nun verschiedene Ausstellungen internationaler KünstlerInnen zu sehen sind. Das Stadttheater bekam einen Neubau für Kultursparten, die besonders Kinder und Jugendliche ansprechen sollen. Mit dem Festival „9 Wochen Barock“ soll die Epoche des westböhmischen Barock in der Region Pilsen bekannter werden. Allein hierfür haben sich bereits mehrere Tausend BesucherInnen aus Deutschland angemeldet. Insgesamt schießen die die Tourismuszahlen um bis zu 20% nach oben und fegen damit alle Zweifel vom Tisch, die im Vorfeld gegenüber den erheblichen Investitionen für das Kulturhauptstadtjahr der 168.000 Einwohner starken Stadt Pilsen bestanden.

Das implizite EU-Ziel, mit dem Programm „Europäische Kulturhauptstadt“ eine gemeinsame europäische Identität zu stärken, hat durch die Debatten um den GREXIT, BREXIT und andere Risse im EU-Zusammenhalt eine verstärkte Bedeutung erlangt. „Wie sollte die EU denn sonst eine solidarische Gemeinschaft aus überzeugten Europäerinnen und Europäern sein, wenn nicht durch den interkulturellen Austausch zwischen den Mitgliedsstaaten?“, so der Programmdirektor von „Pilsen 2015“, Jiří Sulženko, und er ergänzt den vielzitierten Satz Jacques Delors', dass sich ja niemand in einen Binnenmarkt verliebe.

So erfolgreich und schillernd das Programm der Kulturhauptstadt Pilsen ist, stellt sich doch die berechtigte Frage, was von den vielfältigen Kulturprojekten nach 2015 übrig bleiben wird. Die Herausforderung für die Stadt wird sein, aus der Vielzahl der Veranstaltungen Prioritäten herauszusuchen, um ausgewählte Kooperationen zwischen Kulturakteuren am Leben zu erhalten. Den Wandel von einem Industriestandort zu einem neuen Zentrum der Kreativwirtschaft haben sich schon viele der vergangenen Kulturhauptstädte auf die Fahnen geschrieben, nicht zuletzt die letzte deutsche Kulturhauptstadt Europas „RUHR2010“. Wie erfolgreich „Pilsen 2015“ tatsächlich ist, wird sich also daran messen müssen, wie schnell sein beachtliches Programm verpufft – oder inwiefern vorausschauend Kooperationen und Finanzierungen geplant und gefestigt wurden, um die nachhaltige Entwicklung der Stadt und der Region auf der Grundlage von Kreativität und interkulturellem Austausch fortzusetzen.

Ein fortschrittliches Zeichen in die Zukunft: Die Kulturhauptstadt Pilsen 2015, in: Politik & Kultur 4/2015

Klein, aber très européen: Die Europäische Kulturhauptstadt Mons 2015 (Belgien)

Kristina Jacobsen

Fährt man mit dem Zug nach Mons, die Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau, landet man zunächst einmal in einer riesigen Baustelle. Der neue Bahnhof, in meinem Reiseführer als eines der architektonischen Highlights beschrieben, besteht momentan noch aus Baugruben und ins Leere ragenden Brückenstümpfen, die Eröffnung wurde auf 2018 verschoben. Werbetafeln weisen auf „Capitale Européenne de la Culture Mons 2015“ hin. Auf dem Weg ins Stadtzentrum geht es den für die Stadt namensgebenden Berg („Mons“) hinauf durch sichtbar von Armut geprägte Straßen. Hinweise auf die Kulturhauptstadt sind hier nirgendwo zu sehen. Dieses Ankommen in Mons vermittelt den Kulturtouristen nicht gerade den Enthusiasmus, den andere Städte versprühen, die stolz sind, den Titel der Kulturhauptstadt tragen zu dürfen.

In der Touristeninformation an der Grand Place erfährt man mehr. Viele, viele bunte Flyer, Programmzettel und -hefte für verschiedene Zeiträume, es fällt schwer, sich darin zurechtzufinden. Rote Fäden in der Gestaltung des Programms sind nicht leicht zu finden. Auch mit den Übersetzungen geht es etwas durcheinander, was sich auf der Homepage widerspiegelt.

„Mons - wo Technologie auf Kultur trifft “ lautet das Motto des Kulturhauptstadtjahrs. Es entspricht der Trias der Stadtentwicklungsplanung, die für die nächsten Jahre die Förderung der Bereiche Kultur, Technologie und Tourismus vorsieht für die 93.000 Einwohner zählende Stadt. Die Bedingungen in Mons waren zunächst ähnlich wie bei der letzten Kulturhauptstadt in Deutschland, RUHR.2010: Arbeitslosigkeit von über 25% nach dem Ende des Tagebaus, Perspektivlosigkeit gerade in der jüngeren Generation. Doch dann kam 2010 Google mit mehr als 800 Arbeitsplätzen, Microsoft, Cisco und andere IT-Unternehmen zogen nach. „Mit diesem Aufschwung entstand auch eine kulturelle Metamorphose in den Köpfen“, schwärmt der Generaldirektor der Kulturhauptstadt Yves Vasseur. Man besann sich auf seine große Dichte an UNESCO-Weltkulturerbestätten (vier sind es allein in Mons, 15 weitere in der Region). In der Bewerbungsphase für Kulturhauptstadt zwischen 2004 und 2010 gab es zwar viel Kritik auf kommunaler Ebene für die geplanten Investitionen in die kulturelle Infrastruktur der Stadt – wie vermutlich in den meisten Städten in dieser Phase. Kultur sei doch nicht so wichtig, was haben wir damit zu tun. Letztlich wurden aber doch erhebliche Investitionen durchgesetzt, die neben dem Kulturhauptstadtprogramm auch in einen neuen Konzertsaal und fünf neue Museen flossen (besonders sehenswert: das Mons Memorial Museum). Ähnlich wie bei der deutschen Kulturhauptstadt Weimar 1999 stehen auch in Mons städtebauliche Neuerungen im Vordergrund, darunter die Kongresshalle von Daniel Libeskind und der im Entstehen befindliche Hauptbahnhof von Santiago Calatrava. Die neuen Gebäude werden bleiben, das ist toll, aber was ist mit dem Rest? Künstlerische Kooperationen zwischen Wallonen und Flamen, Koproduktionen mit Kulturpartnern aus dem EU-Ausland, kulturpolitische Vernetzung im europäischen Mehrebenensystem – Zukunft ungewiss!

Der Generaldirektor Vasseur setzt beim Fortbestehen des Erreichten auf die Verantwortung der Kulturakteure: „Es ist die Frage, wie es ab 2016 weitergeht. Wir hoffen, in der Wahrnehmung unserer Gäste eine Kulturstadt zu bleiben, so wie es z.B. Lille gelungen ist, das 2004 Europäische Kulturhauptstadt war“. Eine solide kulturpolitische Nachhaltigkeitsstrategie gibt es offenbar nicht, was zu dem Gesamteindruck des Monser Kulturhauptstadtprogramms passt, dass vieles begonnen wurde, aber noch nicht richtig ausgereift ist. Sicher, Mons ist trotz des wachsenden technologischen Sektors immer noch keine reiche Stadt, die für ein blühendes Kulturleben als Statussymbol aus dem Vollen schöpfen könnte. Doch umso wichtiger wäre es gerade dann, das vorhandene Potential zu erkennen und fruchtbar für einen kulturgeprägten, gesellschaftspolitischen Wandel zu nutzen, wie ihn RUHR.2010 angegangen ist.

In einem ist Mons jedoch dem Gros der anderen bisherigen Europäischen Kulturhauptstädte voraus: Der Titel wird wörtlich genommen. Im kleinen, mehrsprachigen Land Belgien und nur 65km von Brüssel, der Schaltzentrale Europas, entfernt, ist ohnehin vieles europäisch ausgerichtet. So spielen manche Instrumentalisten aus Mons auch im Orchester in Brüssel oder im nur 30 km entfernten Valenciennes in Frankreich. Die Tradition von europäischen Künstlern wie Orlando di Lasso oder Vincent van Gogh, die in in der Vergangenheit in Mons gelebt und gewirkt haben, soll weiter bestehen. Das Programm der Kulturhauptstadt richtet sich daher durchaus an ein europäisches bzw. internationales Publikum, auch die Museen sind mit meist drei- bis viersprachigen Hinweisschildern und Texten darauf ausgerichtet. Diverse Veranstaltungen beinhalten explizit einen interkulturellen Austausch, wie z.B. die Reihe „Café Europa“. Wenn auch die Nachhaltigkeit einer kulturpolitischen Verankerung in Frage steht, so ist zumindest die der interkulturelle Dialog gelungen und beispielhaft für zukünftige Kulturhauptstädte.