Aarhus 2017

Aarhus 2017

Let´s Rethink – Kulturhauptstadt Europas als Katalysator für kulturelle Stadtentwicklung

Prof. Dr. Birgit Mandel

Let´s Rethink, so das ambitionierte Ziel von Aarhus 2017. Die Stadt in Dänemark hat den Titel des Kulturhauptstadtjahres in den vergangenen ca. acht Jahren seit Bewerbungsbeginn offensiv genutzt, um das Potential von Kunst und Kultur als Katalysator für die Bearbeitung von Zukunftsproblemen der Gesellschaft auszuloten, jenseits bisheriger Gewissheiten und Gewohnheiten, um die Kulturlandschaft und das Zusammenleben in der eigenen Stadt ebenso wie Politik- und Verwaltungsstrukturen zu hinterfragen und neue, nachhaltige Kooperationen und Governance Konzepte zu entwickeln.

In Aarhus wurden im Zuge des Bewerbungsprozesses und mithilfe des Titel vielfältige, öffentliche Orte und Treffpunkte für alle Bürger/innen geschaffen: so etwa das Kulturzentrum Godsbanen, das zugleich kreative Volkshochschulangebote, Ateliers und Workshops für Künstler und Cultural Entrepreneurs, ebenso wie Theater, Kinos und Raum für diverse Veranstaltungen von Profis und Laien bietet, oder das Dok 1, ein kostenlos zugängliches Gebäude für alle Bürger/innen inmitten der Stadt am alten Hafen, eine Mischung aus Bibliothek, Bürgeramt, Abenteuerspielplatz, Treffpunkt für unterschiedliche Gruppen.

Der von Melina Mercouri 1985 initiierten Titel „Kulturhauptstadt Europas“ wurde zu Beginn an die europäischen Metropolen vergeben, die ohnehin über ein breites kulturelles Angebot verfügen. Seit Mitte der 90er Jahre werden dagegen eher kleinere Städte aus der zweiten Reihe ausgewählt, die den Titel offensiv für ihre Weiter-Entwicklung nutzen können und sollen.  Vor allem durch das Beispiel Glasgow, das die Kulturhauptstadt-Auszeichnung sehr erfolgreich für eine umfassende Neu-Positionierungs vom Industriestandort zum lebendigen Standort der Creative Industries einsetzte mit der Umnutzung seiner Industriebauten, wurde das Potential des Titel als Katalysator für Stadtentwicklung deutlich.

Seit 2005 hat die EU zudem die Kriterien für die Bewerberstädte geschärft.

Zentrale Zielvorgaben sind seitdem:

– Unterstützung und Verankerung auf allen politischen Ebenen

– einen Beitrag zur nachhaltigen Kulturentwicklung der Stadt und Region leisten

– herausragende kulturelle Inhalte entwickeln

– große Reichweite in die Bewohnerschaft hinein

– europäischen Austausch initiieren

– Partizipation der Bevölkerung

– Nachhaltigkeit in Bezug auf Infrastruktur, Programme, Kooperationsbeziehungen.

Deutsche Kulturhauptstädte waren nach West-Berlin 1988, Weimar 1999 und zuletzt das Ruhrgebiet 2010, die ganz unterschiedliche Ziele und Strategien v.a. in den Bereichen Infrastrukturentwicklung, Kultur-Kooperationen, touristische Positionierung mit dieser Auszeichnung verbunden haben.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass bereits der Prozess der Bewerbung, der in der Regel mehrere Jahre dauert, vielfältige Impulse für die Stadtentwicklung durch Aufbau von Kooperationen und Verständigung über gemeinsame Ziele birgt.

Und so haben sich für die nächste Runde einer deutschen Kulturhauptstadt 2025 schon jetzt gut 10 Städte in Position gebracht, die sich erstmalig am 22./23. Juni diesen Jahres zu einem gemeinsamen Symposium des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildesheim und der Kulturpolitischen Gesellschaft getroffen haben.

Unter den Bewerbern um den Titel ist auch die Stadt Hildesheim. Der Rat der Stadt hat einstimmig für die Bewerbung votiert, trotz der beträchtlichen finanziellen Belastungen, die damit einhergehen: So investierte z. B. das Ruhrgebiet in den gesamten Prozess zur Kulturhauptstadt insgesamt 80 Millionen Euro, von der EU gibt es im Falle eines Zuschlags nur die symbolische Summe von 1,5 Millionen Euro.

Hildesheim als Kulturhauptstadt Europas? Das scheint vermutlich für die meisten der  Absolvent/innen, die nie warm geworden sind mit der Stadt und die Hildesheim mehrheitlich  sofort  nach ihrem Studium wieder verlassen, höchst  unrealistisch.

Scheint doch Hildesheim, abgesehen davon, dass es über zwei mittelalterliche Kirchendenkmäler unter Unesco Weltkulturerbeschutz und ein Museum mit einer renommierten kulturhistorischen Sammlung verfügt, in kultureller Hinsicht wenig zu bieten, was Potential für eine Europäische Kulturhauptstadt verspricht ,  –  sieht man von den stark unterfinanzierten soziokulturellen Einrichtungen wie der Kulturfabrik Löseke oder dem Theaterhaus für die Freie Szene einmal ab.  Auch das Stadtbild ist nach dem Bombenangriff 1945, der die gesamte Innenstadt zerstört hat, vorwiegend von aus heutiger Sicht unattraktiven Bauten der 50er bis 70er Jahre geprägt.  Mehr noch scheint in der Stadt ein breites, öffentliches Leben zu fehlen, scheint sich die Stadt ihren jungen Neu-Bürgern aus studentischem Umfeld geradezu zu verweigern.

Hildesheims Bewerbung könnte trotz oder sogar wegen dieser Defizite dann sinnvoll sein, wenn die Stadt genau diese Problem einer fehlenden diversen kulturellen Öffentlichkeit und mangelnden Anschlussfähigkeit zwischen den deutschlandweit renommierten kulturwissenschaftlichen, künstlerischen und gestalterischen Studiengängen an Uni und FH und den städtischen Institutionen und Initiativen offensiv in den Blick nehmen würde. Warum gibt es so wenig Verbindungen? Warum scheint die Stadt vor allem jüngeren Menschen und Kulturschaffenden so unwirtlich? Warum gibt es so wenig von jungen Menschen initiierte gastronomische und kulturelle Infrastruktur? Was hat das alles mit der Geschichte der Stadt zu tun? Und wie könnte das Sich Verorten als europäische und internationale Stadt neue Ideen für die Zukunft eröffnen?

Diese Fragen würden in der Bewerbungsphase viele Gesprächsrunden mit Vertretern unterschiedlicher kulturell engagierter Gruppen bedeuten, die über ihre sehr heterogenen Verständnisse und Qualitätskriterien von Kunst und Kultur und ihre Ziele und Visionen von städtischem Kulturleben miteinander ins Gespräch kommen müssten.

Ein solcher Prozess braucht Zeit und Raum für unvorhergesehene Verbindungslinien, gemeinsame Ideen und Kooperationsbeziehungen. Er braucht aber auch erste große künstlerische und kulturelle Aktionen mit hoher Symbolkraft, mit denen es gelingt, neue temporäre Gemeinschaften zu stiften über gemeinsame ästhetische Erfahrungen und die Lust machen auf die gemeinsame Stadtentwicklung.

Dann könnte der Hildesheimer Bewerbungsprozess auch unseren kulturwissenschaftlichen Studiengängen nutzen, die angesichts zunehmender Konkurrenz durch eine Fülle neu eingerichteter ähnlicher Studiengänge unter abnehmenden Bewerberzahlen leiden, was gemäß erster Analysen vor allem mit dem „Standort-Nachteil Hildesheim“ zu tun hat.

Prof. Dr. Birgit Mandel leitet den Studienbereich Kulturvermittlung und Kulturmanagement im Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim sowie den Masterstudiengang Kulturvermittlung.

Innovation durch Kunst und Kultur – Exkursion zur europäischen Kulturhauptstadt Aarhus

Hannah Kattner

Mit Kunst und Kultur die Welt retten? In Aarhus wird es probiert. Die zweitgrößte Stadt Dänemarks trägt 2017 den Titel der europäischen Kulturhauptstadt und hat sich das Ziel gesteckt, mithilfe von Kultur Herausforderungen wie soziale Ausgrenzung, Urbanisierung, wachsende Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Migration, Klimawandel und Verknappung von Ressourcen zu überdenken unter dem Motto: „Let´s rethink“. 18 Studierende des Master-Studiengangs „Kulturvermittlung“ reisten mit der Studiengangsleitung Birgit Mandel in die diesjährige Kulturhauptstadt in Dänemark, trafen das Organisationsteam des Kulturhauptstadtjahres, besuchten die Universität, zentrale Orte des Kulturhauptstadtjahres und nahmen das ambitionierte Vorhaben der Dänen genauer unter die Lupe.

Der asphaltierte Fußweg führt am Meer entlang. Genutzt wird er von Joggern, Radfahrern und Touristen. Gesäumt wird der Weg mit Blick auf die Ostsee von Bäumen. Doch ein Baum sticht heraus. Fußgänger bleiben stehen. Radfahrer steigen von ihren Rädern. Staunend werden Fotos gemacht. Der Baum ist in pinke Farbe getaucht. Die Vegetation dahinter ist ebenfalls rosa gefärbt, als wäre eine pinke Flut den Hügel hinuntergelaufen. Was auf den ersten Blick wie eine Umweltkatastrophe aussieht, ist in Wirklichkeit eine Kunstinstallation der deutschen Künstlerin Katharina Grosse. Das farbenfrohe Kunstwerk ist Teil der Ausstellung „The Garden – The Future“, die das ARoS Aarhus Kunstmuseum im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres entlang der Küste aufgestellt hat. Kunst im öffentlichen Raum, die den Umgang mit der Natur thematisiert und zum Nachdenken anregen soll. Ganz im Sinne des Oberthemas „Let´s rethink“ – Lass uns umdenken, das sich durch das gesamte Programm der europäischen Kulturhauptstadt Aarhus 2017 zieht.

Aarhus überzeugt die Jury durch gute Planung, Bürgereinbindung und Innovation

Seit 1985 vergibt die EU-Kommission den Titel Kulturhauptstadt Europa, den 2017 das griechische Paphos sowie das dänische Aarhus tragen. Bereits 2008 fasste die Stadtverwaltung Aarhus den Entschluss, sich für den Titel zu bewerben. Bis 2010 befragten sie 10.000 Bewohner auf dem dänischen Festaland, welche Herausforderungen sie für die Zukunft sehen. Die Ergebnisse dieser Befragung flossen in die weitere Planung des Kulturhauptstadtjahres ein, um das sich Aarhus 2011 final bewarb. Das Ziel: künftige Herausforderungen wie soziale Ausgrenzung, Urbanisierung, wachsende Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Migration, Klimawandel und Verknappung von Ressourcen, durch Kultur zu überdenken und neue kreative Lösungen zu finden. Außerdem soll der Titel der europäischen Kulturhauptstadt dafür genutzt werden, das 330.000 einwohnerstarke Aarhus  als Kulturstadt neben Kopenhagen touristisch zu etablieren.

Doch schließlich überzeugten nicht nur das ambitionierte Ziel die EU-Kommission, sondern vor allem die durchdachten, gut strukturierten Pläne zur Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres, wie die EU-Kommission in einem Statement begründet. Ausschlaggebend für die Ernennung Aarhus war ebenfalls die Einbindung der Bürger aus der gesamten Region in das Programm sowie das Schaffen neuer kultureller Zentren.

The same for everybody – Das Gleiche für jeden

In Leuchtschrift steht vor der Kulisse des Rathauses in Aarhus „The same for everybody“ – Das Gleiche für jeden. Eine Kunstinstallation des Künstlers Nathan Coley, die abwechselnd an mehreren Standorten in Dänemark zu sehen ist und das Prinzip von Aarhus 2017 auf den Punkt bringt. Das Kulturhauptstadtjahr soll jeden ansprechen.  Das Programm umfasst Kunstsparten wie Film, Musik, Klangkunst, Theater, Tanz, Literatur, Architektur und Design, aber auch Veranstaltungen zu den Themen Essen und Sport. Herausgekommen ist ein 500-Seitenstarkes Programmheft, das besonders für Touristen etwas unübersichtlich wirkt.

Am eindrucksvollsten zeigt sich der partizipative Gedanke der Kulturhauptstadt am Freiwilligen-Programm, bei dem bis jetzt rund 3.500 Freiwillige teilnahmen und so die Umsetzung des Kulturhauptstadtjahres unterstützten. Beispielsweise in dem sie an einem Infostand am Aarhuser Hauptbahnhof Broschüren an ankommende Touristen verteilen.

Auch Kultur im öffentlichen Raum gehört zum Teilhabe-Gedanken von Aarhus 2017. Die Ausstellung „The Garden – The Future“, die vom ARoS Aarhus Kunstmuseum kuratiert wird, zeigt Installationen entlang eines kilometerlangen Fußweges an der Küste von Aarhus. Der Gedanke dahinter ist es,  Kunst aus den Institutionen in den öffentlichen Raum holen, um auch Menschen zu erreichen, die keine Kunstinstitution besuchen würden, erklärt Lene Øster, Regional-Managerin von Aarhus 2017.

Kulturelle Stadtentwicklung – Öffentliche  Aufenthaltsorte

Vor allem um neue Orte und eine kulturelle Stadtentwicklung geht es in Aarhus. Öffentliche Orte sollen die Stadt beleben und das kulturelle Leben der Bürgerinnen und Bürger bereichern. Einer dieser Orte ist das „Dokk1“, die 2015 fertiggestellte Stadtbibliothek mit Blick auf den Hafen. Doch der futuristische Neubau beherbergt nicht nur Bücher, sondern ebenso Spielplätze und das Bürgercenter der Stadt und ist kostenlos zugänglich für alle Bürger der Stadt. Das Besondere ist die Durchlässigkeit der verschiedenen Bereiche. Studenten arbeiten an ihren Laptops, daneben spielen Kinder in einer Verkleidungsecke oder an einer Videospielkonsole, während eine Rentnerin am Schalter nebenan ihren Personalausweis verlängern lässt. Eine ungewöhnliche Vermischung von Orten, die jedoch trotz der Verschiedenheit der Aktivitäten funktioniert und eine angenehme Atmosphäre schafft. Das Dokk1 ist ein öffentlicher, frei-zugänglicher Ort für jeden, der viele Zielgruppen anspricht und so ein neuer Begegnungsort für Bürgerinnen und Bürger ist.

Ein ebenfalls neu geschaffener Ort ist das Kulturzentrum „Godsbanen“, das sich ebenfalls im Hafenviertel der Stadt befindet. Auf dem Gelände eines alten Güterbahnhofs hat sich die Kulturverwaltung der Stadt, die Filmhochschule, das Literatur-Center neben Töpfer-, Schreiner- und Nähwerkestätten, einem Copy-Shop, ein Fotolabor, Ateliers und Büroräumen für Kreativ-Unternehmen und Probenräumen für Theatergruppen angesiedelt. Das Prinzip: die Räume sollen von Professionellen und Laien gleichermaßen genutzt werden, um eine wechselseitig-fruchtbare Beziehung herzustellen. “This is a place where everyone can go with their creative project“ – ein Ort, an den jeder mit seinen kreativen Projekten gehen kann, erklärt Trine Sørensen von der Pressestelle des Kulturzentrums. Auf der Grünfläche hinter dem Godsbanen findet sich dann auch die wilde Kunstszene Aarhus. Das sogenannte „Institut of X“ ist ein Dorf in der Stadt. In Baucontainern und selbstgebauten Häusern bespielt die Aarhuser Subkultur-Szene das brachliegende Gelände. Ein Freiraum für die freie Szene mit dem Charme einer urbanen Kommune, Marke Eigenbau. Ein gewollter Wildwuchs, der noch im Entstehen ist und von der etablierten Kunst- und Kulturszene im angrenzenden Godsbanen toleriert und unterstützt wird.

Erfolgreich? Das wird die Zukunft zeigen

Das Programm und die Ziele von Aarhus 2017 sind ebenso innovativ, wie ambitioniert. Aus der Sicht eines Außenstehenden, wirkt das Kulturhauptstadtjahrwie ein Erfolg. Die Stadt Aarhus ist durchzogen von Kunst und Kultur. Die kulturellen Zentren der Stadt wirken innovativ und belebt. Doch vieles befindet sich noch im Aufbau. Nicht nur im Stadtbild ist das zu sehen, sondern auch die Experten halten sich noch mit einer euphorischen Bewertung des Jahres zurück. Die Einschätzung der Beteiligten bisher: “The real work will start in 2018. When there is no umbrella of the capital culture year”, wie Rina Valeur Simonsen, Leiterin der Strategie und Verwaltung von Aarhus 2017, stellvertretend für die Stakeholder des Kulturhauptstadtjahres sagt. Obwohl das Kulturhauptstadtjahr noch ein halbes Jahr läuft gibt es bereits eine „Legacy Strategie“ dafür, wie die vielen Neuerungen Kooperationsbeziehungen nachhaltig in allen kommunalen Bereichen etabliert werden sollen. Das Kulturhauptstadtjahr hat viele Prozesse angestoßen, die nun in den folgenden Jahren ihre Langfristigkeit zeigen müssen.

Hannah Kattner ist Studentin des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

„Let´s Rethink“ Aarhus 2017 – die europäische Kulturhauptstadt lädt ein zum Andersdenken

Eine Exkursion des Masterstudiengangs Kulturvermittlung

Sarah Potrafke und Jessica Dietz

„Let’s Rethink“ – dies ist das Motto der zweitgrößten Stadt Dänemarks, die in diesem Jahr gemeinsam mit dem zyprischen Paphos zur europäischen Kulturhauptstadt auserkoren wurde. Gemeinsam besuchten Masterstudierende der Kulturvermittlung der Universität Hildesheim im Rahmen des Seminars „Aarhus, Kulturhauptstadt Europas 2017“ unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Mandel die dänische Hafenstadt an der Ostküste von Jütland, um sich selbst ein Bild davon zu verschaffen, wie diese Vision umgesetzt wurde.

„A year in which we examine our past to better shape and understand our future“ so formulierte die englische Kulturhauptstadtchefin Rebecca Matthews die Mission. Es gehe Aarhus darum, die Bevölkerung und die Besucher_innen anzuregen, anders über Kunst und Kultur, die Stadt und ihre Zukunft und auch über ihren eigenen Beitrag zur nachhaltigen Gestaltung der Kulturgesellschaft nachzudenken.

Aarhus stelle mit den Mitteln der Kunst die Fragen, die Europa aktuell bewegen; Fragen nach Diversität, Demokratie und Nachhaltigkeit. „Our vision to use art and culture to precipitate change will see us rethinking the challenges of tomorrow, challenges we share with our European fellowship […]”, so Matthews.

Aarhus möchte einladen, künstlerische Experimente zu wagen und sich auf neue ästhetische Pfade zu begeben. Die Stadt möchte sich neu erfinden und sich in der Region neben dem allgegenwärtigen Riesen Kopenhagen, jedoch auch im europäischen Kontext platzieren. Sie möchte Fragen nach der eigenen Identität und dem Zusammenleben in der Stadt aufwerfen.

“A year for everyone” – Teilhabe als Leitmotiv von Aarhus 2017

Aarhus 2017, „a year for everyone – young and old, city and countryside“, bietet ein großes und weitflächig angelegtes Programm. 19 Kommunen präsentieren für 365 Tage insgesamt über 350 Projekte aus den Bereichen Bildende Kunst, Theater, Tanz, Musik, Literatur sowie handwerkliches Können in Gastronomie, Architektur und Design. Neben vielen Gesprächen mit Macher_innen des Kulturhauptstadtjahres und Vermittlungsleitungen in Institutionen, erkundete die Hildesheimer Gruppe auch mit dem Fahrrad im strömenden Regen mithilfe eines Stadtführers die „Sights“ der Kulturhauptstadt 2017. Auch die kunstferneren Bürger_innen möchte Aarhus 2017 erreichen: “Taking the culture out of the institutions on the streets. So people who do not go there will see it in public”, sagt Lene Øster, Regional-Managerin von Aarhus 2017. Dieser Leitgedanke findet konsequent Anwendung in der unmittelbar in das Stadtbild integrierten Ausstellung des ARoS-Museums mit dem Titel „The Garden“, welche sich über eine Strecke von vier Kilometern am Hafen und Strand entlang erstreckt. Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und stellt das wechselseitige Verhältnis von Mensch und Natur über die Zeit dar. Daneben finden sich am Hafen zahlreiche Plätze zum Verweilen als „gift for the people who live in Aarhus“, die sich in Befragungen im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres solche öffentlichen Orte gewünscht hatten.

Der Gedanke der gesamtgesellschaftlichen Teilhabe spiegelt sich auch in der hohen Zahl der Freiwilligen mit insgesamt 3500 wider, die sich für Aarhus 2017 engagiert haben und das Kulturhauptstadtjahr wesentlich mittragen und von einer Stiftung professionell angeleitet werden – auch mit dem Ziel, dass sie über 2017 hinaus sich ehrenamtlich für die Stadt engagieren. Diese Einbindung der Bürger_innen war auch mit ausschlaggebend für die sehr geglückte und für den Erfolg von Aarhus 2017 enorm wichtige Auftaktveranstaltung des Kulturhauptstadtjahres mit einer großen partizipativen Inszenierung im Hafen, bei der rund 80.000 Menschen auf den Straßen gemeinsam feierten.

Auch die Museen der Stadt setzen konsequent auf Zugänglichkeit für Menschen aller Milieus und Generationen und zeigen, wie strategische Kulturvermittlung auf den verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen ineinandergreifenden Maßnahmen wirkungsvoll umgesetzt werden kann. So werden etwa im ARoS die Grenzen zwischen Kunst, Künstler_innen und Publikum aufgelöst. Im ARoS Public, dem Vermittlungs-Center, lässt sich mit eye-tracking-Bildschirmen, auf denen Kunstwerke präsentiert werden, nachvollziehen, wie jede_r einzelne Kunst tatsächlich betrachtet: Worauf schaue ich bei einem Kunstwerk zuerst? An welchen Details im Bild bleibt dein Blick am längsten hängen? Bei den eye-tracking-Bildschirmen handelt es sich nur um eines der zahlreichen spielerischen Vermittlungswerkzeuge, die zu einem regen Austausch unter den Besucher_innen des Museums führen und Kunst zum Erlebnis werden lassen. „Art is like a friend, you have to invest time to build a relationship to it“, fasst Marianne Grymer Bargeman, Leiterin der Kulturvermittlung des ARoS, zusammen. Darüber hinaus verfügt der „Kunstspielplatz“ des Museums über Künstler_innenateliers mit entsprechenden Residenzprogrammen, einen Hörsaal, in dem unter anderem Videoarbeiten gezeigt und Lectures zu Themen der aktuellen Ausstellung gehalten werden, Studios für Kinder und Jugendliche sowie einen Salon, der als Treffpunkt und als Arbeitsbereich für unterschiedliche Gruppen kostenlos zur Verfügung steht. Mit „It is not our place, it is Aarhus‘ place.“ unterstreicht Grymer Bargeman noch einmal, für wen hier Kunst gedacht werden soll.

Aarhus 2017 schafft Raum für Begegnungen

In Aarhus gibt es auffällig viele Orte, die zum Verweilen einladen – ob arbeitend am Laptop, zur Entspannung mit einem Buch oder als Aufenthaltsort und Spielplatz für Familien –  das Dokk1 vereint all diese Tätigkeiten. Direkt an der neuen Hafenfront von Aarhus liegend, beherbergt das Dokk1 eine Bibliothek, die neben Büchern auch digitale Fußballfelder, analoge Spielhäuser und Spielkonsolen für Kinder enthält. Anstatt auf Lesestoff, liegt hier der Fokus auf den Bürger_innen und deren Bedürfnissen. Es geht um Gemeinschaft, Unterhaltung und „Borgerservice“, wobei dieser im Dokk1 nicht nur Buchausleihe, sondern auch Passwesen und Wohnanmeldung bedeutet, denn hier befindet sich auch das Bürgeramt von Aarhus. Regelmäßig finden Veranstaltungen und Kurse für Erwachsene und Kinder statt wie zum Beispiel Chorgesang, Schachabende oder Malkurse. So wird die Bibliothek hier umdefiniert zu einem Community Center für Groß und Klein.

Ausschlaggebend für die Wahl von Aarhus zur Kulturhauptstadt 2017 war für die Jury nicht zuletzt „Godsbanen“. Dieser alte Güterbahnhof in der Skovgaardsgade fungiert nun als kulturelles Zentrum, Volkshochschule und Kreativwirtschaftszentrum in einem, wo Kunst und Kultur interdisziplinär produziert und präsentiert werden. Das Zentrum ist offen für alle – neben der einzigartigen Architektur des alten Güterbahnhof-Hauptgebäudes lockt es mit Workshops in den Näh-, Töpfer- und Schreinerwerkstätten, in denen sich Kunstschaffende sowie -interessierte treffen. Es gibt ein Fotolabor, ein Literaturcenter, Filmschulen, Ateliers, Büroräume für Start-Ups sowie zahlreiche Projekt- und Probenräume. Regelmäßig finden Workshops statt, bei denen Künstler_innen ihr Wissen mit Laien teilen. Auch die städtische Kulturverwaltung hat hier ihren Sitz. Das „Institut for (X)“ schließt sich als „cultural backyard“ in Form von umgestalteten Containern, selbst gebauten Behausungen, Gardening und Graffiti an das Godsbanengebäude an und repräsentiert eine autonome und selbstverwaltete Plattform, wo sich die freie Szene und Subkultur von Aarhus trifft.

Was kommt nach 2017?

Mit großer Professionalität werden sämtliche Prozesse des Kulturhauptstadtjahres von rethinkIMPACTS 2017, einer Partnerschaft zwischen Aarhus 2017 und der Universität Aarhus, dokumentiert und evaluiert. Die Hildesheimer Masterstudierenden der Kulturvermittlung besuchten das dafür zuständige Institut mit der Projekt- und Research-Managerin von rethinkIMPACTS 2017, Louise Ejgod Hansen, um mehr über den Evaluationsprozess, die Ziele und die damit einhergehenden Herausforderungen zu erfahren. Aarhus möchte aus Fehlern lernen, seine Erfahrungen teilen und die Erfolge von morgen auf die Kulturhauptstadt zurückführen. So steht für das Kulturhauptstadt-Team fest: „The real work starts in 2018.“ Das Team hat bereits  einen Bericht zur Weiterführung der Erfahrungen und Erkenntnisse des Kulturhauptstadtjahres erstellt (http://projects.au.dk/aarhus2017/publications/). Bis zum Ende des diesjährigen sollen dauerhafte Strukturen sowohl in der Stadt als auch in der Region geschaffen werden, um nach 2017 nicht wieder alles zu verlieren. Es gehe darum, nachhaltige Kollaborationen unter den einzelnen Kommunen zu implementieren, die ihre Früchte dann auch nach 2017 tragen können, wenn der offizielle Hype vorbei ist.

Die Masterstudierenden konnten während der Exkursion erfahren, wie Kulturvermittlung auf allen Ebenen strategisch angelegt und für die Bürger_innen unterschiedlicher sozialer Gruppen konzipiert und umgesetzt wird, was es heißt, ein niedrigschwelliges, aber dennoch nicht unterforderndes Angebot hierfür zu präsentieren und wie wertvoll dies für die Gemeinschaftsbildung in einer Stadt sein kann.

Im Rahmen der Exkursion ist ein Film entstanden, der unter folgenden Links zu finden ist:
https://www.facebook.com/Kulturpraxis/videos/1545819048770470/
 (kurze Version)
https://www.facebook.com/Kulturpraxis/videos/1543008522384856/
 (lange Version)

Sarah Potrafke und Jessica Dietz sind Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.

Let’s rethink: Lernen von AARHUS 2017

Yasemin Akkoyun und Marie Koch

Mit einem fulminanten Start begeistern.

Die Eröffnung von Aarhus 2017 war ein großer Erfolg: Die Integration zahlreicher Ehrenamtlicher hat in der Bevölkerung ein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugt. Das niedrigschwellige, durch partizipative Elemente einladende und liebevoll gestaltete Event hat die gesamte Stadt positiv auf das kommende Jahr eingestimmt. Somit konnte sich Aarhus 2017 mit Schwung auf der Welle dieses ersten Erfolges fortbewegen.

Die Bevölkerung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres werden die geläufigen Begriffe “Partizipation” und “Nachfrageorientierung” auf allen Ebenen konsequent umgesetzt: Das Ziel, etwas für die Bevölkerung zu machen und diese zeitgleich zu integrieren (We asked the people: What do youwant?“), wird neben der inhaltlichen Programmgestaltung durch die bottom-up“-Herangehensweise realisiert, welche z.B. Abstimmungen über Bauvorhaben oder eine gemeinsame Gestaltung von Orten vorsieht.

Ein breites Verständnis von Kunst und Kultur.

Um die Antworten auf die Frage nach den individuellen Bedürfnissen der Bevölkerung zufriedenstellend aufnehmen bzw. umsetzen zu können, vertritt Aarhus 2017 ein breites Kulturverständnis und scheut sich zudem nicht vor einer Nutzung von Kunst und Kultur für gemeinwohlorientierte, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Zwecke und Ziele.

Einbezug aller Beteiligten von Beginn an.

Indem auf inhaltlicher, organisatorischer und politischer Ebene die Gemeinden und die Bevölkerung der gesamten Region sowie die beteiligten Kulturschaffenden gemäß des bottom-up“-Prinzips von Beginn an integriert werden, stellt Aarhus 2017 sicher, dass unterschiedliche Interessen und Vorstellungen im Kulturhauptstadtjahr vertreten sind. Dies spiegelt sich in der dezentralen Programmstruktur sowie den politischen und strategischen Vorgehensweisen wider. Folglich entsteht jedoch die Schwierigkeit, das vielfältige Programm übersichtlich und verständlich in der Öffentlichkeit zu kommunizieren.

Die Schaffung von öffentlichen Gemeinschaftsorten.

Aarhus 2017 bemisst dem öffentlichen Raum einen zentralen Stellenwert zu. Um dem Kunstverständnis nicht nur einer Interessensgruppe zu entsprechen, werden dabei stets andere Aspekte integriert und miteinander verbunden: Natur, Architektur, Spielplatz, Aufenthaltsort usw. Diese niedrigschwelligen und zugleich oft nicht kommerziellen Aufenthaltsorte entsprechen dem breiten Verständnis von Kunst und Kultur und fokussieren neben der ästhetischen Erfahrung das Zusammenkommen und Kennenlernen.

Identitätsstiftendes Community Building.

Für das Erreichen und die nachhaltige Implementierung der Zwecke und Ziele von Aarhus 2017 ist die Identifikation der Bevölkerung mit dem Titel des Kulturhauptstadtjahres von signifikanter Bedeutung. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit wird geschaffen, indem partizipative, öffnende und integrierende Maßnahmen umgesetzt werden. Die erfolgreiche Aktivierung, Beteiligung und Engagementförderung von Bürger*innen wird exemplarisch am ehrenamtlichen Programm sichtbar: Insgesamt 3.500 Ehrenamtliche arbeiten im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres. Nichtsdestotrotz stellt sich die Herausforderung, in sogenannten Problem“-Stadtteilen einen breiteren Anteil der Menschen mit einzubeziehen. Eine noch konsequentere Orientierung an individuellen Bedürfnissen könnte dabei eine bessere Zugänglichkeit gewährleisten.

Die ECOC als Katalysator denken und nicht als Produkt.

Die Zusammenstellung des Teams von Aarhus 2017, dessen Arbeitsweisen und -strukturen gründen auf einer zentralen Zielsetzung: Durch die Vorbereitung und Durchführung des ECOC und die Nutzung von Kunst und Kultur sollen Aarhus und die Region nachhaltig transformiert werden. Aarhus 2017 ist eingewoben in eine umfassende Kulturentwicklungsplanung und folgt dementsprechend nicht einem Selbstzweck, der mit dem Ende des Jahres eingelöst sein wird, sondern dient als Katalysator für eine nachhaltige, kulturelle Stadtentwicklung. 

Die Region einbeziehen.

Aarhus 2017 denkt die gesamte Region mit: Die Kommunen und ihre Behörden wurden zur Zusammenarbeit angeregt und auch kleinere Kommunen wurden durch entsprechende Kulturentwicklungspläne aktiviert. Die Zusammenarbeit im Bereich der Kultur, des Tourismus und der Stadtplanung hat ein produktives Miteinander zwischen den Kommunen geschaffen. Durch diese neuen Partnerschaften und Netzwerke wird ein kollaboratives Denken ermöglicht, das sich auch auf zukünftige (kultur)politische Entwicklungen auswirken wird.

Bestehende Strukturen neu denken.

Die Organisation von Aarhus 2017 ist geprägt durch eine pointierte Planung in Form eines strategischen Managements und einer gleichzeitigen geistigen Offenheit. Durch Aarhus 2017 wurden unterschiedlichste Institutionen, Sektoren, Disziplinen und Kommunen zur Zusammenarbeit angeregt, die ohne diesen Motor nicht zusammengekommen wären. So wurden Partnerschaften zwischen Tourismus, Wirtschaft, Politik, Bildungs- und Mediensektor auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene initiiert, die Synergieeffekte durch interdisziplinäre Ansätze ermöglichen. 

Die lokale Infrastruktur in den Fokus rücken.

80% der Projekte von Aarhus 2017 werden durch externe Partner aus Aarhus und der Region durchgeführt. Somit wird sichergestellt, dass die Projekte in der lokalen Infrastruktur integriert sind und infolgedessen nachhaltige Effekte bewirken können. Die lokalen Kultureinrichtungen werden im Rahmen des ECOC dazu befähigt und motiviert Neues zu probieren. 

Personal fördern und Kompetenzen stärken.

Das Wissens- und Kompetenzförderungsprogramm Soft City“ ermöglicht es Künstler*innen, Kulturschaffenden sowie im Bildungssektor und Verwaltungen Beschäftigten sich innerhalb der Projekte neues Wissen und Fertigkeiten für eine erfolgreiche Beschäftigung im Kulturfeld anzueignen. 40% der Projekte von Aarhus 2017 haben die Weiterbildung aller Beteiligten zum Ziel. Außerdem werden durch ein Network Model” Mitarbeiter*innen der Behörden für den Zeitraum von Aarhus 2017 von ihrem gewohnten Arbeitsbereich befreit und zur Mitarbeit an der ECOC entsandt. Dieses Konzept ist mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden; dennoch wird es umgesetzt, um den Angestellten diese besondere Weiterbildungschance zu bieten und einen anschließenden Wissenstransfer zurück in die Behörden zu gewährleisten. 

Konsequent nachhaltig arbeiten.

Nachhaltigkeit durchzieht als Kernwert das gesamte Konzept von Aarhus 2017: So werden alle Aktivitäten dokumentiert und evaluiert, um Erkenntnisse im Sinne eines nachhaltigen Lernprozesses öffentlich zugänglich und transparent zu machen. Die durch Aarhus 2017 geschaffenen Kollaborationen und Netzwerke sollen nach Ende des Kulturhauptstadtjahres fortgeführt werden und auch die Mitarbeiter*innen profitieren von diesem konsequenten Nachhaltigkeitsanspruch: Für ihre Neubesetzung für die Zeit nach Aarhus 2017 wird schon jetzt gesorgt.

Yasemin Akkoyun und Marie Koch sind Studentinnen des Masterstudiengangs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim.